Geschichte des Ignaz L. Lieben-Preises

Ignaz L. Lieben Stiftungsbrief

Ignaz Lieben um 1850; "Stiftungsbrief" (erster Dotationsbrief) aus dem Jahr 1862 von dem Schreiben der Familie Lieben bzgl. des der Akademie zugedachten Legats

Gestiftet: 1863

Vergabe: 1865 - 1937; wieder ab 2004 (Verleihung erfolgt jährlich)

Stifter: Der aus Prag stammende Ignaz L. Lieben, der 1833 in die Familie des Geschäftsmannes Samuel Lewinger eingeheiratet hatte und in das Familienunternehmen eingestiegen war, hatte 1842 nach dem Tod seines Schwiegervaters seine eigene Großhandlung in Wien gegründet. Die Familie unterhielt zahlreiche soziale Stiftungen, Ignaz L. Lieben selbst gehörte zu den Sponsoren der Ersten Kinderbewahranstalt am Rennweg, seine Angestellten erhielten eine Firmenpension, die Witwen eine Witwenpension.
In seinem Testament verfügte Ignaz L. Lieben, dass die Summe von 6.000 Gulden "für das allgemeine Beste" verwendet werden solle. Im Jahr 1863 wurde auf Initiative seines Sohnes, Adolf Lieben, dieser Betrag der damaligen kaiserlichen Akademie der Wissenschaften für die Ignaz L. Lieben-Stiftung zur Verfügung gestellt.
Der nach Ignaz L. Lieben benannte Preis wurde ab 1865 an Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen Chemie, Physik und Physiologie vergeben. Die ursprüngliche Summe wurde 1898 von der Familie Lieben um 36.000 und 1908 um 18.000 Kronen aufgestockt. Als in Folge der Inflation das angelegte Stiftungsvermögen 1923 wertlos wurde, überwiesen die Nachkommen des ursprünglichen Stifters jedes Jahr den entsprechenden Betrag an die Österreichische Akademie der Wissenschaft (ÖAW), damit der Preis weiterhin vergeben werden konnte. 1938 musste der Ignaz L. Lieben-Preis wegen Verfolgung der Stifterfamilie eingestellt werden.
Adolf Lieben, der Sohn von Ignaz L. Lieben, wurde am 3.12.1836 in Wien geboren. Er studierte Chemie in Wien, Heidelberg und Paris und habilitierte sich 1862 an der Universität Wien. In der Folge war er Professor in Palermo, Turin, Prag und Wien. 1870 wurde er korrespondierendes, 1879 wirkliches Mitglied der ÖAW. Außerdem war er Mitglied der Akademien von Rom, München und Berlin, sowie Ehrenmitglied diverser gelehrter Gesellschaften. Adolf Lieben gilt als bedeutendster Vertreter der damals neuen, sich bereits weitgehend synthetischer Methoden bedienenden Forschungsrichtung der organischen Chemie. Seine Arbeit war grundlegend für die gesamte aliphatische Chemie. Adolf Lieben starb am 6.6.1914 in Wien.

Die großzügige finanzielle Unterstützung von Isabel und Alfred Bader hat es ermöglicht, den Ignaz L. Lieben-Preis zu reaktivieren und im Jahr 2004 wieder neu auszuschreiben.
Alfred Bader wurde am 28.4.1924 in Wien geboren. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland konnte er im Dezember 1938 mit dem ersten Kindertransport nach Großbritannien flüchten. Nach seinem Chemiestudium an der Queen's University in Kanada und an der Harvard University gründete Alfred Bader 1951 Aldrich Chemical Co. 1975 fusionierte Aldrich Chemical Co. mit dem führenden biochemischen Zulieferunternehmen Sigma in St. Louis und Alfred Bader war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1991 Vorsitzender von Sigma-Aldrich.
Isabel Bader, geb. Overton, stammt aus Northern Ontario in Kanada und studierte an der Victoria University in Toronto. Von 1949 bis zu ihrer Heirat mit Alfred Bader 1982 unterrichtete sie in Bexhill im englischen Sussex.

Höhe des Stiftungsvermögens: im Jahr 1863: 6.000 Gulden, ab 2004: jährliche Dotation USD 18.000,-,
ab 2008 erhöht auf USD 36.000,-

Stiftungszweck: Für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien, der Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Österreich, die das 40. Lebensjahr noch nicht überschritten haben, für herausragende Arbeiten auf dem Gebiet der Molekularbiologie, Chemie und Physik.

 

Literatur:

Almanach 65. Jahrgang (1915) S. 191, 332-339

Richard Meister: Geschichte der Akademie der Wissenschaften in Wien 1847-1947. Wien 1947, S. 342, 349

Alfred Bader: Adventures of a Chemist Collector. London 1995

Almanach 154. Jahrgang (2003/2004), S. 411

Die Liebens. 150 Jahre Geschichte einer Wiener Familie. Hrsg. v. Evi Fuks und Gabriele Kohlbauer. Wien 2004, S 39-43, 84-94, 125-137

Die wissenschaftliche Welt von gestern. Die Preisträger des Ignaz. L. Lieben-Preises 1865-1937 und des Richard Lieben-Preises 1912-1928. Hrsg. v. Rudolf Werner Soukup. Wien 2004, S. 19f., 323-329