Doris Gruber


Jubiläumspreis des Böhlau Verlages Wien 2020


Doris Gruberwird für ihre Monographie Frühneuzeitlicher Wissenswandel. Kometenerscheinungen in der Druckpublizistik des Heiligen Römischen Reiches, Bremen: edition lumière 2020 (= Presse und Geschichte – Neue Beiträge. 127), ausgezeichnet.

Göttliche Warnung, astrologisches Zeichen und astronomisches Phänomen – Kometen faszinieren die Menschen seit jeher. Was über Kometen als wahr und richtig und somit als Wissen galt, änderte sich jedoch im Laufe der Zeit und besonders stark in der Frühen Neuzeit. Im 16. Jahrhundert wurden Kometen vornehmlich als unheilbringende Wunderzeichen verstanden, deren negative Wirkungen und Bedeutungen auch physikalisch und astrologisch erklärbar seien. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts gingen diese Interpretationen stark zurück, auch, aber nicht ausschließlich aufgrund neu gewonnener empirischer Erkenntnisse.

Die Monographie untersucht diesen Prozess im Heiligen Römischen Reich am Beispiel von drei Aufsehen erregenden Kometenerscheinungen – jenen von 1577/78, 1680/81 und 1743/44. Nahezu die gesamte zeitgenössische Druckproduktion zum Thema wird erschlossen, um die Fragen zu beantworten, wie und warum sich Kometenwissen wandelte und welche Rolle hierbei gleichzeitig stattfindende Veränderungen im Mediengeflecht spielten.

Die Studie bricht mit vom Fortschrittsgedanken geprägten Meistererzählungen der Wissen(schaft)s- und Mediengeschichte, die Wissens- und Medienwandel als zielgerichtete Entwicklungen begreifen, die notwendigerweise auf die heutige „moderne“ und „aufgeklärte“ Gesellschaft zuliefen. Durch den integralen Ansatz der Monographie rücken von der Forschung oftmals ausgeblendete Akteure, Wissensbestände wie Medienformen in den Blick. So erweist sich der Prozess des Wissenswandels als vielschichtig, in Sackgassen mündend und, aus heutiger Perspektive, mitunter als paradox. Er ist mit der vorherrschenden Erzählung von einem geradlinigen wissenschaftlichen Fortschritt also nur bedingt vereinbar. Es wird jedoch deutlich, dass die Furcht vor den Wirkungen und Bedeutungen der Kometen – respektive der Wille, dagegen anzukämpfen – als treibender Motor hinter dem Wissenswandel betrachtet werden muss. Denn die Diskussion über Kometen war zu allen drei untersuchten Zeitabschnitten vor allem von einer Frage geprägt: Ob, warum und gegebenenfalls welche (negativen) Wirkungen und/oder Bedeutungen Kometen mit sich brächten.

Neben dem Textteil umfasst die Publikation 71 Abbildungen und eine kommentierte Bibliographie. Über 500 Drucke werden beschrieben, Erst- und Neuauflagen identifiziert und über 3.200 Exemplare ausgewiesen.

 

Die Preisträgerin


Doris Gruber ist seit Juli 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin am FWF/DFG Dach-Projekt „TRAVELOGUES. Perceptions of the Other — 1500–1876. A Computerized Analysis“ am Institute for Habsburg and Balkan Studies, Forschungsbereich Digitale Historiographie und Editionen der ÖAW. Seit Oktober 2020 ist sie zudem Senior Scientist am Fachbereich Geschichte der Paris-Lodron-Universität Salzburg. Ihr Doktoratsstudium absolvierte sie mit Auszeichnung an der Universität Graz. Im Zuge dessen war sie Promotionsstipendiatin der Gerda Henkel Stiftung (Düsseldorf), die auch einen Druckkostenzuschuss für die Veröffentlichung der Monographie gewährte.

Doris Gruber studierte Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Graz und verbrachte einen Erasmus-Aufenthalt an der Sciences Po Paris. Während der Magisterstudien ging sie diverser Teilzeitbeschäftigungen nach und absolvierte mehrere Praktika (z.B. am Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart, im Belvedere in Wien und im Steiermärkischen Landesarchiv in Graz).

Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der frühneuzeitlichen Buch-, Medien- und Wissensgeschichte, sowie in der Reiseliteratur und in den Digital Humanities.

Die der Monographie zugrunde liegende Dissertation wird gleichzeitig mit dem Franz-Stephan-Preis für die Geschichte und Kultur der Habsburger Monarchie im 18. Jahrhundert durch die Österreichische Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts (OGE 18) ausgezeichnet.

Im März 2020 wurde sie gemeinsam mit Kollegen mit dem Lee Dirks Award for Best Full Research Paper 2020 durch die iSchools und im April 2017 miteinem Research Grant der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Berlin) ausgezeichnet.