Florian Halbritter wird für seine Forschungsleistungen zur Tumorentwicklung mithilfe von Computerbiologie und Epigenomik, insbesondere bei Neuroblastomen, Wilms-Tumoren und Ewing-Sarkomen, ausgezeichnet.
Kindliche Krebserkrankungen stellen die Medizin vor besondere Herausforderungen. Obwohl die Überlebenschancen gestiegen sind, beruhen Therapien nach wie vor meist auf intensiven, belastenden Behandlungen. Ein Grund dafür ist unser begrenztes Verständnis der Krankheitsentstehung: Viele pädiatrische Tumoren haben ihren Ursprung nicht in einer jahrelangen Ansammlung genetischer Schäden, sondern in subtilen Störungen der frühesten Entwicklungsprozesse. Diese entscheidenden Ereignisse finden statt, lange bevor ein Tumor diagnostiziert werden kann – und bleiben daher im Dunkeln.
Die Forschungsgruppe von Florian Halbritter widmet sich genau diesem verborgenen Beginn. Mithilfe von humanen Stammzellmodellen und modernsten Einzelzell- und Genomtechnologien gelingt es seinem Team, jene frühen Schritte der Tumorentstehung nachzustellen, die im Patienten nicht beobachtbar sind. Indem krankheitsrelevante genetische Veränderungen gezielt in diese Modelle eingebracht werden, können die Wissenschaftler:innen erforschen, wie kindliche Tumoren aus einer fehlgeleiteten embryonalen Entwicklung hervorgehen.
Dieser Ansatz führte zu bedeutenden Erkenntnissen in mehreren Tumorarten des Kindesalters. Bei Neuroblastom – einem Tumor, der oft sehr junge Kinder betrifft – zeigte die Gruppe, wie chromosomale Veränderungen die Entwicklung der Neuralleiste stören und dadurch ein fehlgeleitetes Zellprogramm in Gang setzen. Ähnliche Strategien enthüllten neue Einsichten in die Entstehung von pädiatrischen Leukämien und Sarkomen. Immer wieder zeigt sich: Tumoren „erinnern“ ihre Herkunft – und tragen Spuren der Entwicklungsprozesse, aus denen sie hervorgehen.
Die Vision der Arbeitsgruppe ist es, diese Erkenntnisse in zukünftige Präventions- und Interventionsstrategien zu überführen. Indem sie die Mechanismen der Tumorentstehung entschlüsselt, legt sie das Fundament für Diagnoseverfahren, die früher ansetzen, und Therapien, die die Krankheit bereits an ihrer Wurzel treffen könnten. Dieser funktional-genomische Zugang eröffnet damit eine neue Perspektive darauf, wie wir kindliche Krebserkrankungen verstehen – und wie wir sie eines Tages verhindern könnten.
Florian Halbritter ist Principal Investigator am St. Anna Children’s Cancer Research Institute (St. Kinderkrebsforschung GmbH) in Wien und leitet dort die Arbeitsgruppe „Developmental Cancer Genomics“. Nach einem Studium der Kognitionswissenschaft, einem PhD an der University of Edinburgh und einer Station als Postdoc am CeMM in Wien spezialisierte er sich auf die Verbindung von Stammzellbiologie, Genomik und Bioinformatik. Seine Erkenntnisse wurden in renommierten Fachzeitschriften publiziert und mit zahlreichen Preisen und Fördermitteln ausgezeichnet (Fellowship der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Wissenschaftspreise der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, Grants des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, der Alex's Lemonade Stand Foundation und Cancer Research UK). Neben seiner Forschung engagiert er sich in internationalen Netzwerken, in der Lehre und in der Entwicklung wissenschaftlicher Software.