Clemens Özelt


Gustav Figdor-Preis für Sprach und Literaturwissenschaften 2020


Clemens Özelt wird für seine Monographie Literatur im Jahrhundert der Physik. Geschichte und Funktion interaktiver Gattungen (1900-1975), Göttingen: Wallstein 2018, ausgezeichnet.

 „Jahrhundertwissenschaft“, „Schicksalswissenschaft“ oder „Leitwissenschaft des Jahrhunderts“ sind wiederkehrende Bezeichnungen, mit denen Wissenschaftshistorikerinnen und Wissenschaftshistoriker auf die einzigartige Rolle der Physik im 20. Jahrhundert hinzuweisen versuchen. Soziologische Studien haben diesen Aufstieg zur ‚Jahrhundertwissenschaft‘ bereits detailreich rekonstruiert. Welche Rolle die Literatur bei dieser Entwicklung spielt, wurde bislang nicht untersucht. Vielmehr stößt man regelmäßig auf Zweifel, dass sich Künste wie die Literatur und abstrakte Wissenschaften wie die Physik in der Moderne überhaupt noch etwas zu sagen haben.

Literatur im Jahrhundert der Physik geht diesem Problem nach und widmet sich insbesondere den Formen des Austauschs. Dazu wird das Konzept der interaktiven Gattungen entwickelt, die als Medien wechselseitiger Bezugnahmen fungieren. Im vorliegenden Fall sind das der Roman, der Dialog, der Brief, das Tagebuch und die Tragödie. Die Studie interessiert sich also nicht nur dafür, dass Robert Musil oder Max Brod nach 1900 Physiker zu Romanprotagonisten machen, sondern auch dafür, wie Philipp Frank solche Texte als Muster einer Physikerbiographie verwendet; dass Bertolt Brecht und Albert Einstein in der Zwischenkriegszeit beide auf die Dialoge Galileo Galileis rekurrieren; dass man während der nationalsozialistischen Diktatur disziplinübergreifend die Kunst des Briefeschreibens wiederentdeckt; dass Günther Anders für sein Hiroshima-Tagebuch Bestätigung von Max Born und Erwin Schrödinger erhält; oder dass sich Robert Oppenheimer über die Physikertragödien des Atomzeitalters ärgert, die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts die deutschsprachigen Bühnen dominieren.

Die Analysen der fünf interaktiven Gattungen Roman, Dialog, Brief, Tagebuch und Tragödie geben Einblick in die Struktur von Austauschbeziehungen, die den engen Rahmen der Fachwissenschaft Physik wie den Bereich der literarischen Imagination übersteigen. Auch in historischer Sicht beschränken sich die Gattungsanalysen nicht auf Einzelfälle, sondern machen unterschiedliche Phasen der dichten Wechselwirkung sichtbar. Sie reicht von der Entdeckung der Weltbildrelevanz im Roman bis zum moralischen Fall der Physik in der Tragödie, sodass Ursachen für das zu- wie das abnehmende Interesse an der ‚Jahrhundertwissenschaft‘ transparent werden

Der Preisträger


Clemens Özelt hat das Diplomstudium Deutsche Philologie, Philosophie und Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache an der Universität Wien 2010 abgeschlossen. Während seines Diplomstudiums war Clemens Özelt Erasmus-Stipendiat an der Universität Zürich und an der ETH Zürich. Er promovierte 2017 an der Universität Zürich im Fach Deutsche Literaturwissenschaft. Während des Doktoratsstudiums war Clemens Özelt Assistent am Deutschen Seminar der Universität Zürich (September 2010 bis Juli 2016) und an der Section d´allemand der Universität Lausanne (August 2016 bis Februar 2020). Seit März 2020 ist Clemens Özelt Seminar-Oberassistent am Deutschen Seminar der Universität Zürich.

Clemens Özelt 2016 wurde er mit dem Theodor-Körner-Preis für Wissenschaft ausgezeichnet