Wilhelm Hartel-Preis 2025

Martha Keil wird für ihre Forschungsleistungen zur jüdischen Geschichte im aschkenasischen Kulturraum und ihre Verdienste in der Vermittlung der jüdischen Geschichte Österreichs ausgezeichnet.

Die wissenschaftliche Tätigkeit von Martha Keil ist durch eine außergewöhnliche thematische Breite, methodische Stringenz und tiefgreifende Wirkung für die Erforschung der jüdischen Geschichte Österreichs und Zentraleuropas gekennzeichnet. Im Zentrum ihres Forschungsinteresses steht die jüdische Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit im aschkenasischen (deutschsprachigen jüdischen) Kulturraum, stets verstanden als integraler Bestandteil der allgemeinen österreichischen und zentraleuropäischen Geschichte.

Ein grundlegender Beitrag ihrer Arbeit liegt in der Erschließung, Edition und Interpretation deutscher und hebräischer Quellen des aschkenasischen Mittelalters. Im Jahr 1994 machte sie mit der Edition des Wiener Neustädter jüdischen Abgabenbuchs für Grundstücke, dem „Liber Judeorum“, eine zentrale Quelle zugänglich. Es folgten weitere Quelleneditionen, darunter Beiträge zur Edition „Austria Judaica“ sowie Übersetzungen hebräischer Texte zum mittelalterlichen Aschkenas, die unter anderem im Band „Geschichte der Juden in Österreich“ publiziert wurden. Als Teilprojektleiterin des internationalen Projekts „Books within Books: Hebrew Fragments in European Libraries“ (initiiert durch die École Pratique des Hautes Études Paris) verantwortet sie die Dokumentation mittelalterlicher hebräischer Fragmente in österreichischen Bibliotheken.

Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Forschung ist die jüdische Frauen- und Geschlechtergeschichte des Mittelalters. Martha Keil zählt im deutschsprachigen Raum zu den Pionierinnen dieses Forschungsfeldes. Ihre Arbeiten zur wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung jüdischer Geschäftsfrauen haben neue Perspektiven eröffnet und zahlreiche weitere Forschungen angestoßen. Methodisch integriert sie konsequent Gender Studies, Kulturtransfer und kulturgeschichtliche Fragestellungen in ihre Forschungsarbeiten und betont damit die Brückenfunktion, die historische Forschung erfüllen kann.

Darüber hinaus widmete sie sich bereits in ihrer frühen Tätigkeit der jüdischen Alltagsgeschichte und der materiellen Kultur des aschkenasischen Mittelalters, was erst in den letzten Jahren in der Forschung und deren Anwendung intensiven Niederschlag findet. Mit Studien zu Objekten, Räumen und Praktiken (exemplarisch sei hier der 2024 erschienene Aufsatz „Dinge auf Wanderschaft“ erwähnt) öffnete sie einmal mehr den Blick für die im doppelten Wortsinn „geteilten“ Aspekte europäischer Kulturgeschichte. Neben den verbindenden Elementen der jüdisch-christlichen Beziehungsgeschichte untersucht sie auch die Kehrseite: Mechanismen von Exklusion, Verfolgung und Gewalt, etwa im Zusammenhang mit der Auslöschung der jüdischen Gemeinden im Mittelalter oder mit Zwangstaufen, aber auch zur Shoah. Auch hier liegt ihr besonderer Fokus auf weiblichen Lebens- und Erfahrungsräumen.

Martha Keil verband ihre Forschung eng mit dem Aufbau institutioneller Forschungsstrukturen. Unter ihrer Leitung gewann das Institut für jüdische Geschichte Österreichs internationale Sichtbarkeit und konnte zahlreiche Drittmittelprojekte einwerben. Sie betreut die Schriftenreihe des Instituts, hat 16 einschlägige Bände verfasst und herausgegeben und mehr als 130 Fachartikel veröffentlicht.  

Abgesehen von der engagierten akademischen Lehre ist ihr die niederschwellige öffentliche Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse überaus wichtig. Jährliche Sommerakademien, Vortragsreihen, Gedenkprojekte und das Veranstaltungsprogramm der Ehemaligen Synagoge St. Pölten wenden sich an ein breites und diverses Publikum. Der intensive Kontakt mit Nachkommen der vernichteten jüdischen Gemeinde St. Pölten in aller Welt, auch durch die Organisation von regelmäßigen Besuchen in der Stadt, ist ihr ein besonderes Anliegen. Ihr Engagement für eine aufrichtige und auf Forschung basierende Gedenkkultur – etwa durch das Setzen von „Steinen der Erinnerung“ in St. Pölten – prägt auch den öffentlichen Raum.

Die Preisträgerin

Martha Keil studierte in Wien und Berlin Geschichte und Judaistik und promovierte 1998 mit einer Arbeit zur jüdischen Gemeinde in Wiener Neustadt im Spätmittelalter. Bereits früh verband sie ihre wissenschaftliche Tätigkeit mit dem institutionellen Aufbau und der Verankerung der jüdischen Geschichtsforschung in der österreichischen Wissenschaftslandschaft. Ihre 2007 eingereichte Habilitationsschrift „Beiträge zur jüdischen Geschichte Österreichs im aschkenasischen Kulturraum“ bestätigt ihre Stellung als ausgewiesene Expertin der vormodernen jüdischen Geschichte.

Seit 1995 war sie stellvertretende Direktorin des 1988 gegründeten Instituts für jüdische Geschichte Österreichs (INJOEST) in St. Pölten, dessen Leitung sie 2004 übernahm. Unter ihrer Führung entwickelte sich das Institut, das in der Ehemaligen Synagoge St. Pölten angesiedelt ist, zu einer auch international anerkannten Forschungseinrichtung. Seit 2011 ist das INJOEST organisatorisch an das Institut für österreichische Geschichtsforschung der Universität Wien angebunden. Von 2016 bis zu ihrem Übertritt in den Ruhestand 2022 war Martha Keil als Senior Scientist am Institut für österreichische Geschichtsforschung tätig und leitete weiterhin das INJOEST.

Neben ihrer Tätigkeit am INJOEST ist Martha Keil seit 2022 wissenschaftliche Leiterin der Gedenk- und Kulturstätte Ehemalige Synagoge St. Pölten. Die 1913 erbaute Synagoge wurde während der Novemberpogrome 1938 schwer beschädigt und 1980 bis 1984 wieder instandgesetzt. Nach umfassender Adaptierung im Frühjahr 2024 wurde sie als als Teil des Museums Niederösterreich mit jährlich wechselnden, von Keil kuratierten Ausstellungen und thematisch ausgesuchten Veranstaltungen wiedereröffnet. Zu Keils Auszeichnungen zählen unter anderem das Große Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich (2020) und der Jakob Prandtauer-Preis für Wissenschaft und Kunst der Stadt St. Pölten (2023).