Figdor-Preis für Sprach und Literaturwissenschaften 2025

Mason A. Wirtz wird für sein Habilitationsvorhaben Soziolinguistische Variation über die Lebensspanne in Erst- und Zweitsprache. Zum Einfluss von wesentlichen Lebensereignissen und psycho-sozialen Faktoren ausgezeichnet.

Sprache verändert sich. Während bestimmte Formen allmählich verschwinden und neue Begriffe scheinbar über Nacht selbstverständlich werden, verändert sich nicht nur das Sprachsystem als Ganzes, sondern auch die Art, wie einzelne Menschen über die Lebensspanne hinweg sprechen. Eine verbreitete Annahme lautet: Wer mitten im Berufsleben steht, orientiert sich stärker an der Standardsprache, geprägt durch formelle Kommunikation und institutionelle Erwartungen. Mit zunehmendem Alter hingegen gewinnt der Dialekt wieder an Bedeutung. Dieser Ansatz ist jedoch eine Idealisierung, die in der Gesamtbetrachtung vieler Personen zutreffend sein mag, im Einzelfall jedoch oft nur wenig aussagekräftig ist.

Denn Alter allein erklärt sprachliche Veränderungen nur unzureichend. Lebenswege verlaufen individuell und biografische Einschnitte mögen auch sprachlich ihre Spuren hinterlassen. Ortswechsel, Partnerschaften, der Eintritt ins Erwerbsleben oder andere prägende Erfahrungen könnten dazu führen, dass Menschen ihre sprachlichen Mittel neu justieren. Der Einfluss solcher Lebensereignisse auf die individuelle sprachliche Entwicklung blieb allerdings bisher noch weitgehend unerforscht. Genau hier setzt meine Forschung an.

Ziel des Habilitationsprojektes war es, neue Wege in der Erforschung soziolinguistischer Entwicklung im Erwachsenenalter sowohl in der Erst- als auch in Zweitsprache zu beschreiten. Am Beispiel Österreichs wurde erstmalig sowohl quantitativ als auch qualitativ erforscht, wie wesentliche Lebensereignisse den Gebrauch von und die Einstellungen zu verschiedenen Sprachvarietäten in Österreich beeinflussen.

Insgesamt zeigen diese Studien, dass die Art eines Ereignisses individuelle Veränderung zwar beeinflusst, aber keineswegs festlegt. Vielmehr sind es die psycho-sozialen Änderungen, die diese mit sich bringen (bspw. veränderte Zugehörigkeitsgefühle, veränderte berufliche oder familiäre Verpflichtungen), die den Grad an individueller sprachlicher Veränderung über die Lebensspanne beeinflussen (können). Diese Analysen liefern neue Anhaltspunkte, welche Faktoren Veränderung im individuellen sprachlichen Repertoire im Verlauf des Lebens vorantreiben.

Der Preisträger

Mason A. Wirtz ist Postdoktorand an der Universität Zürich. Zuvor war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter sowie als Senior Scientist an der Universität Salzburg tätig und erhielt zudem Graduierten-Lehr- und Forschungsstipendien an der Bowling Green State University (USA). Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Zweitspracherwerb und (Entwicklungs-)Soziolinguistik, aber auch Pragmatik, Dialektologie, Mehrsprachigkeit und Psycholinguistik, insbesondere in Bezug auf statistische Methoden und den Einsatz digitaler Erhebungsmethoden wie Virtual Reality. Er ist Autor des Buches „Dynamics of L2 Sociolinguistic Development in Adulthood“ und hat rund 40 Aufsätze in hochrangigen Fachzeitschriften und Sammelbänden veröffentlicht.